Der Stoffwechsel im Winter
Der Gürtel muss schon wieder ein, zwei Löcher weiter geschnallt werden. Wir tendieren wieder zu den üppigen Speisen, wenn nicht sogar zur Schokolade. Und um sich zum Laufen aufzuraffen braucht es jetzt schon einen wirklich guten Tag. Alles nur Einbildung? Mangel an Disziplin? Was ist los im Winter? Was geht da in unserem Körper vor sich?
Stellen Sie sich vor: Sie sind ein Murmeltier und gehen jetzt auf Winter-Tauchstation. Sie senken Ihre Körpertemperatur von 37° C auf 7°C, atmen nur noch 1-2 Atemzüge pro Stunde und reduzieren Ihren Herzschlag auf wenige Schläge pro Minute. Ich weiß nicht, wie vielen eine solche Vorstellung attraktiv erscheinen mag. Ich persönlich bin bei diesen Fakten froh, ein Mensch zu sein, der auch am Winter seine Freude hat, eine Schifahrt oder auch wilde Schneeballschlacht genießen kann, oder einfach nur das Spazierengehen in einer tief verschneiten Winterlandschaft.
Warum neigen wir im Winter zum Zunehmen?
In den Wintermonaten ernährten sich unsere Vorfahren von kargem Brot, Kartoffeln, eingelegtem Kraut und, wenn Sie Glück hatten, von eingewinterten Äpfeln und geräuchertem Fleisch. Ein paar üppigere Festtage zur Weihnachtszeit und zur Faschingszeit waren da beinahe Überlebensnotwendigkeit. Vergleicht man die gesamte Spanne der Menschheitsgeschichte, gibt es aber diese Feste erst einen vergleichbar kurzen Zeitraum. Und der Zeitraum, in dem wir im Überfluss die Wintermonate verbringen können, so sehr, dass der Winter tatsächlich zu einem Gewichtsproblem wird, ist, im Vergleich zur Menschheitsgeschichte, ein winzig kleiner Augenblick. Für die Natur ist also die Lebensmittelknappheit das „Normale“. So ist es auch die weise Vorausschau der Natur, die aus jahrtausendelanger, immer wiederkehrender Erfahrung dafür sorgt, dass uns die lebensnotwendige Energie nicht abhanden kommt. Wir dürfen ihr also nicht gram sein, wenn wir in diesen kalten Monaten zu vermehrtem Essen neigen.
Wie schafft es nun unser Organismus, im Winter Fettdepots anzulegen?
Was uns zunächst auffällt, ist sicherlich, dass sich unsere Vorlieben mit dem Wechsel der Jahreszeiten ändern. Im Sommer sind uns die leichten Speisen lieber, während wir es im Winter kräftig und mitunter sogar üppig mögen. Wir benötigen mehr an Energie, um die erforderliche Körperwärme aufrecht zu halten, doch hat sich dieser Mehrbedarf mit den konstant beheizten Wohnungen und Büros erheblich reduziert. Die Zeit, welche wir draußen in der Kälte verbringen, ist in Wirklichkeit minimal. Wir haben also nicht nur für einen „Überschuss“ an Nahrung gesorgt (vor allem, wenn wir die „biologisch geplante“ reduzierte Nahrungszufuhr berücksichtigen), sondern wir haben auch sehr effektiv beseitigt, was zu einem Mehrverbrauch an Kalorien im Winter führen hätte können.
Nicht so einfach ist die Sache mit dem Grundumsatz. Es scheint eine sinnvolle Reaktion zu sein, in Zeiten der Knappheit den Grundumsatz herunter zu fahren um mit weniger Nahrung durchzukommen. Doch die Ergebnisse von Studien zeigen sehr unterschiedliche Ergebnisse. Während einige Studien einen um etwa 10% reduzierten Grundumsatz im Winter verglichen mit dem Sommer zeigen, finden andere wieder keinen Unterschied oder sogar einen höheren Grundumsatz im Sommer verglichen mit dem Winter. Der Grund dafür dürfte darin liegen, dass die Anpassungsvorgänge je nach Alter und auch ethnischer Herkunft unterschiedlich sein können. (Vielleicht sollten wir in unserem Programm während der Wintermonate auch unsere Grundumsatzberechnung um 10% reduzieren? So quasi als Sicherheitsreserve?)
Werden Jugendliche oder jüngere Erwachsene einer länger dauernden Kälte ausgesetzt, so reagieren diese mit einem wesentlich geringeren Anstieg des Grundumsatzes als ältere Menschen. Der Grund dafür könnte sein, dass sie die Veränderungen der Umgebung wesentlich schneller und besser mit kleinen physiologischen Anpassungen, wie Hautzirkulation oder ähnliches ausgleichen können. Diese Adaptierungsmechanismen werden im Alter schwächer, die „zentrale“ Gegensteuerung hat daher mehr zu leisten. Diese Unterschiede könnten für die unterschiedlichen und scheinbar widersprüchlichen Ergebnisse, was Unterschiede im Grundumsatz zwischen Sommer und Winter betrifft, verantwortlich sein. In Summe sollten wir auf Grund der widersprüchlichen Daten eher davon ausgehen, dass es keinen wirklich bedeutsamen Unterschied im Grundumsatz zwischen den Jahreszeiten gibt.
Mit ziemlicher Sicherheit ist aber außer unseren Ernährungsvorlieben auch unser Bewegungsverhalten verändert. Im Sommer fällt es uns wesentlich leichter, einmal eine Runde zu laufen als im Winter. Auch das ist als „Anpassungsmechanismus“ oder „Sparmechanismus“ für Notzeiten zu verstehen. Doch in einer soeben von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung durchgeführten telefonischen Umfrage unter 1000 Deutschen kam zu Tage, dass jeder zweite Deutsche ein Bewegungsmuffel ist. Interessant war, dass Erwachsene, die während Ihrer Kindheit kaum Sport betrieben, auch im Erwachsenenalter kaum Bewegung machen. Kinder jedoch, die viel auf Sportplätzen herumtummeln, sind zumindest noch zu zwei Drittel im Erwachsenenalter aktiv. Ähnlich scheint es sich mit den Jahreszeiten zu verhalten. Wer im Sommer keinen Sport macht, wird es womöglich im Winter noch weniger tun, doch wer die positive Wirkung von körperlicher Aktivität und von Sport kennt, wird auch im Winter zusehen, zumindest regelmäßig, wenn auch etwas seltener, Sport zu betreiben.
Möglichkeiten zu körperlicher Aktivität gibt es ja nicht weniger! Einfach herumtollen im Schnee, ein Spaziergang, Sporteinrichtungen und Gymnastikkurse, schließlich die Wintersportzentren oder Thermalbäder mit Ihrem reichlichen Angebot. Kein Grund also zum Herumsitzen! Wem das Schifahren zu sportlich ist, versuche es mit Schilanglaufen! Es gibt kaum eine Sportart, die in einem solch intensiven Ausmaß den Genuss der Landschaft mit kräftiger, körperlicher Betätigung vereinbaren lässt!
Ist es tatsächlich schwerer, im Winter abzunehmen?
Die vielen Feste und Feierlichkeiten und all die Süßigkeiten im Winter? Greifen wir hier nicht immer wieder zu Klischees? Wie ist das ist mit dem Urlaub? Lieben wir es nicht, da am Pool zu liegen oder in einem lauschigen Gastgarten zu sitzen? Wie ist das mit den vielen Einladungen und Festen im Sommer? Ist da der Winter wirklich schlimmer als der Sommer mit den über Wochen zur Verfügung stehenden überquellenden Urlaubsbuffets? Mit dem fast alltäglichen Eis und den Grillpartys? Jede Jahreszeit bietet also Ihre Genüsse und damit auch Ihre Herausforderung für die Abnehmwilligen!
Das saisonale Angebot
Wir leben nicht nur nach ernährungswissenschaftlichen Kriterien. Unsere Ernährungsgewohnheiten sind oft auch durch unsere Geldbörse bestimmt. Es fällt uns im Sommer leicht, einen Salat zu kaufen oder ein Kilo Obst, wenn dieses kilo- oder sogar kübelweise zu Tiefstpreisen angeboten wird. Im Winter tun wir uns da schon schwerer. Aber hier sollten und brauchen wir uns nicht von den farbenprächtigen exotischen Früchten und deren Preis abschrecken lassen. Kraut, Rüben, Sellerie und andere Gemüsesorten gibt es hier wesentlich günstiger und sie sind hervorragende Nährstoff- und Vitaminlieferanten. Sie entsprechen außerdem sehr gut dem Bedürfnis nach kräftigender, wärmender und sättigender Nahrung, welches wir im Winter verstärkt haben. Das saisonale und regionale Obst und Gemüse passt hervorragend zu unseren momentanen Bedürfnissen. Ein Beispiel nur: Gekochte Kartoffeln und gekochte Rüben in dicke Scheiben schneiden, dachziegelartig in einer Glasschüssel aufschichten, einen scharfen Senf in einem Konservenglas mit etwas Wasser aufschäumen (durch kräftiges Schütteln), über die Kartoffeln und Rüben gießen – ein leckeres, würziges wie kräftiges Wintermahl!
Diese haltbaren Gemüsesorten, insbesondere Linsen und Bohnen, sind auch hervorragende Ballaststofflieferanten. Sie sättigen damit sehr gut und fördern unsere Verdauung. Auch Getreideprodukte sind wegen Ihrer Nahrhaftigkeit oft besser im Winter als im Sommer zu verzehren. Nicht zu vergessen sind auch die für unsere Winterkost typischen Gewürze wie Nelken, Zimt, Koriander etc. Diese Gewürze haben vielfältige Wirkung auf unseren Stoffwechsel und auch unsere Stimmungen.
Es ist also sehr fraglich, ob das Abnehmen im Winter tatsächlich schwieriger ist als im Sommer. Etwas Anpassung ist gewiss erforderlich. Doch mit einem Ernährungsrhythmus, der etwas dem bisher erlebten biologischen Rhythmus angeglichen ist und mit weiterhin regelmäßiger Bewegung ist eine Gewichtszunahme im Winter sicherlich kein unausweichliches Übel, sondern im Gegenteil: Es ist durchaus eine anhaltende Gewichtsabnahme möglich!

